Herpes genitalis in der Schwangerschaft

Diagnostik und Therapie / Infektionen / Herpes genitalis in der Schwangerschaft

Obwohl Läsionen durch Herpes genitalis im Kreißsaal zu den seltenen Ereignissen gehören, sind Schwangere mit anamnestisch rezidivierenden labialen oder genitalen Herpes-simplex-Infektionen häufig. Aber auch deren Partner oder medizinisches Personal, das Schwangere oder Neugeborene betreut, kann darunter leiden und somit eine Gefahr für das Neu- oder Frühgeborene werden. Die folgende Übersicht fasst die Grundzüge von Diagnostik und Therapie zusammen.

Herpes-simplex-Infektionen zählen zu den nicht meldepflichtigen sexuell übertragbaren Infektionen. Sie sind weltweit verbreitet und unterliegen derzeit offensichtlich einem starken epidemiologischen Wandel. Ihr Vorkommen ist von äußeren (Sexualverhalten, Drogenmissbrauch, bakterielle Vaginose) und endogenen (Ethnie, Alter, Immunologie) Faktoren beeinflusst (21).

Erreger

Zu den Herpesviren zählen

  • das Varizella-zoster-Virus,
  • das Zytomegalie-Virus,
  • das Ebstein-Barr-Virus,
  • die Herpes-simplex-Viren Typ 1

und Typ 2 (HSV 1 und 2), die innerhalb der Familie Herpesviridae zur Subfamilie der Alpha-Herpesviridae gehören (2, 10).

HSV 1 gilt primär als Erreger des Herpes labialis, auch von Gingivostomatitis, Keratokonjunktivitis, Ösophagusulzerationen und (selten) Enzephalitis, während HSV 2 primär Verursacher des Herpes genitalis und des Herpes neonatorum ist. Diese Zuordnung unterliegt aber gegenwärtig einem starken Wandel.

Das HSV tritt bei der Infektion in eine Zelle ein, vermehrt sich und führt gegebenenfalls zu klinischen Symptomen. Es wird dann über axonalen Transport in das regionale Ganglion gebracht (bei Herpes genitalis das Lumbosakralganglion), wo es lebenslang verbleibt und bei endogenem oder exogenem Stress bzw. bei Immunsuppression reaktiviert wird (10).

Läsionen und andere sexuell übertragbare Infektionen (Sexually Transmitted Infections/STI) begünstigen die HSV-Infektion und umgekehrt.

Besonders bedeutsam ist das in Ländern mit hohem Vorkommen der Infektion mit dem humanen Immundefizienzvirus (HIV).

Sichtbare Symptome einer disseminierten HSV-Infektion sind:

Bläschen auf der Haut 68%
Fieber 39%
Lethargie 38%
Krämpfe 27%
Konjunktivitis 19%
Pneumonie 13%
disseminierte intravaskuläre Gerinnungsstörungen 11%

Epidemiologie

Die Infektion mit HSV 1 erfolgt meist nichtsexuell in der Kindheit. Sie kann mit und in etwa 90% ohne klinische Symptomatik erfolgen.

Aus Deutschland sind sichere aktuelleZahlen nicht bekannt. Untersuchungen aus den Jahren 1997 und 1998 ergaben bei 3.792 Seren eine Prävalenz von 82,6% für HSV 1 und von 13,3% für HSV 2, wobei der Anteil von HSV 2 bei Frauen in den neuen Bundesländern mit 16,5% gegenüber 12,6% signifikant höher lag als in den alten Bundesländern (9). Das Robert-Koch-Institut stellte im Jahr 2003 im Rahmen seiner Sentinel-Studie bei 20- bis 24-jährigen Frauen in Deutschland einen Anstieg von klinischen Herpes genitalis-Fällen fest (19).

Im Rahmen einer prospektiven Untersuchung im Kontrollkollektiv zur Testung eines Impfstoffs bei 3.438 HSV-1- und HSV-2-seronegativen amerikanischen Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren wurden innerhalb von 20 Monaten 3,7% neu mit HSV 1 und 1,6% mit HSV 2 infiziert. 74% der HSV-1 und 63% der HSV-2 Infektionen erfolgten symptomlos. Es waren signifikante ethnische Unterschiede erkennbar: Die Infektionsrate mit HSV 2 von nichthispanisch schwarzen Frauen war 2,6-fach höher als die von Hispanierinnen und 5,5-fach höher als bei nichthispanisch weißen Frauen, während sie mit HSV 1 bei nichthispanisch Weißen 1,7-fach höher als bei nichthispanisch Schwarzen lag. Insgesamt traten HSV-Infektionen bei jüngeren Frauen von 18 bis 22 Jahren häufiger auf als bei älteren, 84% aller klinischen HSV-Erkrankungen waren genital lokalisiert und es gab keine Unterschiede in der klinischen Erscheinung von HSV 1 und 2 (4).

In einer weiteren prospektiven Studie mit 498 amerikanischen HSV-2-seropositiven Frauen war zwischen 1992 und 2008 die Frequenz des „viral shedding“, also der Infektiosität, mit täglich entnommenen Abstrichen über mindestens 30 Tage untersucht worden: HSV 2 konnte dabei in 20,1% bei 410 Personen mit klinischer Herpessymptomatik und in 10,2% bei 88 Personen ohne klinische Symptomatik mit Polymerasekettenreaktion (PCR) gefunden werden (24).

Insgesamt hat sich die Häufigkeit von HSV-2-Infektionen in den letzten 30 Jahren um etwa 30% gesteigert. Man darf annehmen, dass diese Verhältnisse auch auf Frauen in Deutschland zutreffen. Insgesamt wird geschätzt, dass bei schwangeren Frauen eine HSV-2-Prävalenz um 8% vorliegt. Die Prävalenz von HSV 2 beträgt bei Frauen in/aus Zentralafrika 30–50%, bei Frauen aus Südamerika um 20–40%, aus Asien um 10–30% und aus Australien um 40% (2, 21). Italienische Frauen bekommen während einer Schwangerschaft in etwa 3 % der Fälle eine HSV-Primärinfektion (Ciavattini et al.2007, zitiert bei (2)).

Mit einer intrauterinen Transmission, die zu Abort, Totgeburt oder Fehlbildungen führen kann, ist bei etwa 1 : 100.000 Fällen zu rechnen, während die eripartale Transmission bzw. perinatale Infektionsrate des Neugeborenen auf etwa 1: 1.400 bis 20.000–30.000 Lebendgeburten geschätzt wird (2,15).

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By | 2017-03-30T20:31:26+00:00 März 9th, 2017|Aktuelles|0 Comments