Vaginale Mikrobiota – ein Update

Vaginale Mikrobiota – ein Update

W. Mendling
Deutsches Zentrum für Infektionen in Gynäkologie und Geburtshilfe, St.-Anna-Klinik, Wuppertal, Deutschland

Geschichtlicher Hintergrund

Albert Döderlein (1860–1941) erkannte in Leipzig als erster die Bedeutung von Laktobazillenfür die gynäkologische Gesundheit der Frau. Sein Mitarbeiter Krönig zeichnete erstmals auch kommaförmige, bewegliche Bakterien der Scheide, die von Arthur Curtis, Chicago, im Jahr 1913 aus den Lochien von Frauen mit Puerperalfieber angezüchtet werden konnten und 1984 von Carol Spiegel, Wisconsin, den Namen Mobiluncus (M.) curtisii erhielten.

Der Name Lactobacillus acidophilus stammt von Stanley Thomas aus Pennsylvania (1928).

Der finnische Bakteriologe Maunu af Heurlin war 1914 der erste, der die Vaginalflora kompetent charakterisierte. In 1921 unterschied Robert Schröder, Rostock, 3 „Reinheitsgrade“: normale Flora, Dysbiose und Entzündung. Ludwig Nürnberger, Halle, fasste 1930 das gesamte infektiologische Wissen auf 463 Lehrbuchseiten (!) zusammen und teilte die Auffassung von Döderlein, der nur zwischen einer normalen und einer abnormalen Flora unterschieden hatte.

Mit der Beschreibung der „Haemophilus vaginalis vaginitis“ durch Herman Gardner und Charles Dukes (Houston, Texas) im Jahr 1955 begann eine neue Ära. Seit 1980 wird das Bakterium Gardnerella (G.) vaginalis genannt. Gardner und Dukes wiesen auf die Bedeutung des Nativpräparates und der „clue cells“ hin. Zeit seines Lebens war Gardner sicher, mit der seit 1984 als bakterielle Vaginose (BV) bezeichneten Erkrankung eine neue sexuell übertragbare Infektion entdeckt zu haben. Per-Anders Mardh (Lund, Schweden) organisierte 1984 ein Symposium in Stockholm, bei dem Lars Weström aufgrund der jahrelangen Forschungen von David Eschenbach et al. (Seattle) zusammenfasste: „BV is a replacement of lactobacilli by characteristic groups of bacteria  accompanied by changed properties of the vaginal fluid“.

Richard Amsel, ein Mitarbeiter von Eschenbach, legte im Jahr 1983 Kriterien für die Diagnostizierung einer BV fest (Amsel-Kriterien), die 1991 von Robert Nugent auf Basis eines Grampräparates mit Abschätzung der Zahl von Laktobazillen, gramnegativen Stäbchen undMobiluncusarten reproduzierbar gemacht wurden (Nugent-Score; Literatur in [35, 37]).

Das menschliche Mikrobiom

Unter „Mikrobiota“ wird die Gesamtheit der Mikroorganismen innerhalb eines Organsystems verstanden. Der Begriff Vaginalflora ist überholt.

Seit 2008 wird im Human Microbiome Project und im Vaginal Microbiome Project der NIH (National Institutes of Health) die Gesamtheit der Mikroorganismen des menschlichen Körpers erforscht [52].

Mit der Möglichkeit, durch Gensequenzierung (z. B. 16S rRNA) und die Polymerasekettenreaktion (PCR) viel mehr Bakterienarten differenzieren zu können als  uvor durchKulturen, hat sich das Verständnis von der Keimbesiedlung dramatisch geändert. Der gesunde Mensch hat mit etwa 2 kg Masse 10-mal mehr Bakterien als Körperzellen, die bakteriellen Gene des Dickdarms überschreiten das menschliche Genom um den Faktor 100. Die Mikrobiota des Darms ist für die Modulation  von Gesundheit und Krankheit aller Organsysteme verantwortlich, es wird mit mindestens 1200 Arten als eigenes Organ im Körper verstanden  31]. Angenommen wird, dass das menschliche Mikrobiom aus 5- bis 10.000 verschiedenen Bakterienarten und eventuell ähnlich vielen Virusarten besteht, deren Wechselspiel über unsere Gesundheit entscheidet.

Laktobazillen 

Während der vaginalen Geburt wird das Neugeborene von der vaginalen Mikrobiota der Mutter besiedelt, danach auch durch die der Muttermilch. Laktobazillen sind für die spätere Gesundheit wichtig: Hatten Frauen 4 Wochen vor bis 6 Monate nach der Entbindung L. rhamnosus GG eingenommen, bekamen die Kinder signifikant seltener innerhalb der ersten 7 Lebensjahre ein atopisches Ekzem [6].

Unter dem Einfluss von Östrogenen proliferiert das Vaginalepithel und speichert Glykogen. Progesteron fördert die Zytolyse. So wird Glykogen für Laktobazillen frei und von ihnen in Glukose und Maltose gespalten. Dabei entsteht Laktat und schafft den physiologischen pH-Wert von 3,8–4,4 – Soweit das klassische Wissen.

Laktobazillen schützen  vor der Adhäsion fakultativ  pathogener Bakterien

Es gibt mindestens 140 Laktobazillusarten [55]. Sie können lang, kurz, kokkoid oder keulenförmig aussehen. Viele Laktobazillen produzieren Wasserstoffperoxid (H2O2). Die Vagina ist meist von 2 und mehr Arten besiedelt. Typisch sind

  • L. crispatus,
  • 4 L. gasseri,
  • 4 L. jensenii,
  • 4 L. iners und L. vaginalis..

Neben Laktat bilden Laktobazillen der Scheide Bacteriozine, Biosurfactants und Koaggregationsmoleküle zum Schutz vor Adhäsion fakultativ pathogener Bakterien [44].

Laktobazillen sind gegen ?-Laktam Antibiotika und Clindamycin empfindlich, weniger gegen Doxycyclin oder Metronidazol.

Die normale vaginale Mikrobiota – ein Gemenge in Balance

Bis jetzt sind etwa 250 (bis 450?) bakterielle Spezies in der gesunden Vagina durch Genomsequenzierung („genomic sequencing“) bzw. 16S-rRNA-Gen- und PCR-Amplifikationsmethoden identifiziert worden [30, 57], die sich in einer von Laktobazillen dominierten Balance befinden.

(…)

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By | 2017-03-30T20:30:41+00:00 März 9th, 2017|Aktuelles|0 Comments